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Der Preis der Cloud

Der Price der Cloud

Wir waren begeistert! Die Internetrevolution trat an, um aus der Dezentralisierung, Kooperation und Transparenz neue Möglichkeiten individueller und kollektiver Autonomie zu schaffen. Begriffe wie Web 2.0 und Social Media trieben unsere Ideen und Geschäfte an. Wir glaubten an die Idee des Teilens und waren davon überzeugt; das „Netzwerk ist mehr als die Summer seiner Einheiten“. Und wir waren mittendrin. Aktive Teilnehmer im Informationszeitalter.

Der Artikel auf English findet man bei Peaches Industries.

Heute nehmen die Bestrebungen Überhand, die eben gewonnen Freiheiten durch neue ausgerichtete Kontrollmechanismen wieder zu neutralisieren. Stand zu Beginn die Kommunikation im Fokus, steht heute das Sammeln und Auswerten von Daten an erster Stelle. Wir nennen es „Big Data“. Zusätzlich stellen die Regierungen jeden Bürger unter einen Generalverdacht. Mit der Begründung Terroristen und Pädophile zu suchen, werden unsere Netzwerkdaten konstant untersucht, abgelegt und analysiert.

 Big Data zerstört das Web 2.0

Big Data ist Big Business. Der Internetexperte Bruce Schneier hat unlängst in einer Rede gefordert, wir sollten den Begriff Big Data nicht mehr technisch verwenden, sondern wirtschaftlich, ähnlich, wie früher von Big Tobacco oder Big Oil gesprochen wurde. Die grossen Internetfirmen sind ausnahmslos Big-Data-Player, und sie haben in den letzten Jahren auch sehr effektiv mit Lobbyarbeit begonnen , um ihrem Businessmodell, das zentral auf der Datensammelwut beruht, weiterhin ungestört nachgehen zu können.

Alle Big Data-Firmen brauchen Kommunikation, um die User Profile zu erstellen. In der Phase von Web 2.0 wurden die Möglichkeiten der Kommunikation extrem ausgeweitet. Die Inhalte waren wichtig. Der Ausdruck „Content is King“ prägte diese Zeit. In der Phase von Big Data ist der Inhalt der Kommunikation belanglos. Sie ist nur Anreiz zur Produktion von Daten. Aus den Datenbeständen lassen sich Erkenntnisse gewinnen, die auf der Ebene der Kommunikation gar nicht existieren. Es lassen sich Muster erkennen und Wahrscheinlichkeiten zukünftigen Handelns ermitteln. Darauf werden Strategien aufgebaut, um diese Wahrscheinlichkeiten zu manipulieren. Das können freundliche, unterstützende Eingriffe sein, die dem Nutzer jene Dinger erleichtern, die er von sich aus machen möchte. So das die Wahrscheinlichkeit erhöht wird, dass diese Dinge auch gelingen. Es können aber auch repressive Eingriffe sein, die es jemandem verunmöglichen einen Plan durchzuführen.

Ich will Big Data keine repressiven Absichten unterstellen. Aber letztlich nutzen alle Big Data-Firmen ihre Daten, um die Umgebung in der Menschen handeln so zu strukturieren, das ihr Handeln im besten Sinne der Firma ist. Der Eindruck individueller Freiheit bleibt dabei dem Benutzer erhalten. Seine Freiheit besteht jedoch lediglich darin aus Optionen auszuwählen, die aus eigennützen Motiven der Big Data-Firma bereitgestellt wurde. Amazon empfiehlt kein Buch, das sie nicht im Angebot haben.

Die Wurzel des Problems ist es, dass zwischen den Phasen Web 2.0 und Big Data keine Internet-Mittelklasse entstanden ist. Man gehört entweder zu denen die Daten sammeln oder denjenigen die kommunizieren. Die Big Data Firmen verkaufen ihre Daten (meistens in Form von Profile für Werbezwecke) während diejenigen die kommunizieren für Ihre Aufwände und Kreationen nicht bezahlt werden.

Jaron Lanier schlägt in seinem Buch „Wem gehört die Zukunft?“ vor, dass die Big Data-Unternehmen für die generierten Inhalte bezahlen müssten. Sie bekommen die Inhalte zwar nicht mehr umsonst, können dieser für einen erschwinglichen Betrag nutzen. Dieses System würde eine Art „humanistische Informationsökonomie“ bilden. In diesem Kontext interessiert auch wie Jeron Lanier sich das bezahlen dieser Mikrohonorare vorstellt. Er schlägt „Zweiweg-Links“ vor, die sowohl den Urheber wie auch den Nutzniesser eines bestimmten Inhalts ermitteln. Ein solches System nennt sich „Nelson’sches Netzwerk“ nach seinem Erfinder Ted Nelson. In einem solchen Netzwerk könnten wir alle Unternehmen sehen, die unsere Informationen verlinken, und hätten dann ein genaues Bild davon, wer uns Gebühren schuldet.

Ob ein solches System funktioniert, wird von vielen bezweifelt. Ted Nelson probierte all seine Ideen in ein neuartiges Computer Netzwerk namens „Project Xanadu“ einzubringen. Das Projekt scheiterte aus verschiedenen Gründen. Letztlich bleibt wohl das Faktum, das die aktuelle Netzwerkinfrastruktur keine „Zweiweg-Links“ unterstützt. Wie schon so oft in der Geschichte des Internets wurde die Architektur gewählt ohne daran zu denken, dass irgendjemand auch schlechte Absichten haben könnte.

Überwachung zerstört Big Data

Big Data-Firmen haben per se keine repressiven Absichten. Eduard Snowden hat uns aber bewiesen das Regierungen Big Data-Technologien dazu benutzen, um eine möglichst lückenlose Massenüberwachung durchzuführen. Mit dem Ziel eben solche Repressionen präventiv durchzuführen.

Seit Eduard Snowden wissen wir, dass die Privatsphäre beim Benutzen von elektronischen Medien nicht vorhanden ist. Neben den Big Data-Firmen profilieren auch die Geheimdienste die kommunizierenden Menschen in allen Netzen. Das dies zu einem Vertrauensverlust der Benutzer führen könnte, wurde den Big Data-Unternehmen erst allmählich klar.

Eric Schmidt, Vorstandsvorsitzender von Google sagte noch 2009 in einem CNBC-Interview, als er zu Vorbehalten gegenüber dem Speichern von Benutzerdaten gefragt wurde: „Wenn es bei ihnen etwas gibt, das niemand wissen sollte, sollten Sie es erst gar nicht tun.“ Auch der Gründer von Facebook, Mark Zuckerberg äusserte sich ähnlich. 2010 sagt er in einem Interview: „Die Leute tauschen untereinander nicht nur mehr Informationen aus, sondern auch offener und mit mehr Menschen.“ Daraus schloss er, dass im digitalen Zeitalter Privatsphäre keine „gesellschaftliche Norm“ mehr sei.

Später als Herr Snowden der Welt bewies was wir längst vermuteten, änderte sich die Haltung der Big Data-Firmen. Alle in den veröffentlichen Unterlagen genannten Firmen leugneten ihre Beteiligungen an irgendeinem Spionageprogramm. Später als man nicht mehr länger lügen konnte, zeigten sie Bestürzung.

Die Bestürzung war ums so grösser als sie merkten, dass ein Vertrauensverlust der Benutzer einen direkten Einfluss auf ihr Geschäft haben wird. Im öffentlichen „giant fuck you, NSA!“ der Google-Techniker, als sie im November 2013 den Datenverkehr auf den angezapften Leitungen erfolgreich Ende-zu-Ende verschlüsselt hatten, zeigte sich dann schon die Entschlossenheit, den Status Quo der Überwachung auf keinen Fall zu akzeptieren.

Was die Privatsphäre bei privaten Benutzer, ist die Sicherheit vor Wirtschaftsspionage und unautorisierter Zugang zu Firmendaten, bei institutionellen Cloud-Benutzern. Microsoft prozessiert aktuell quer durch die USA hindurch, bis keine „High Courts“ mehr übrig sind, die ablehnen könnten, das die amerikanischen Behörden Zugriff auf internationale Kundendaten von amerikanischen Betrieben nehmen. Das der Zugriff, unabhängig davon wo die Server mit den Kundendaten geografisch stehen, stattfindet ist offensichtlich. Das Microsoft bis heute noch keinen Erfolg erstritten hat verwundert ebenfalls nicht.

Alle Unternehmen die ihr Geschäftsmodell in der Cloud und im Big Data haben, wehren sich gegen die konstante Überwachung durch die Geheimdienste. Nicht aus philanthropischen Motiven, sondern um dem Vertrauensverlust der Benutzer entgegenzuwirken. Denn nüchtern betrachtet ist das Geschirr bereits zerschlagen. Die Seite „IT Mittelstand“ empfahl als Strategie „Cloud Computing als feindliches Territorium“ zu betrachten.

Die Big Data-Unternehmen sind nun in der Pflicht, glaubhaft Transparenz und Verantwortung anzubieten, wenn es um den (Daten-)Schutz ihrer Nutzerinnen und Nutzer geht. Es reicht nicht eine Website mit ein paar Security-Schlagwörter und Beschreibung anzubieten. Das können sie aber nicht alleine. Diese Rahmenbedingungen müssen zusammen mit Gesellschaft, repräsentiert durch die Politik, erarbeitet werden. Es muss Big Data-Firmen wie auch Regierungen klar werden, dass nicht alles erlaubt sein darf, was technisch möglich ist.

Frisst die Technologie ihre Kinder?

Die Cloud ist für die Weiterentwicklung unserer Informations- und Kommunikationsbedürfnisse wichtig und notwendig. Allerdings stehen wir an einer wichtigen Schwelle. Diejenigen die Daten sammeln bieten denjenigen die Daten überwachen die Hand an. Heribert Prantl schrieb 2014 in „Le Monde diplomatique“: „Wer überwacht wird, verhält sich konform. Das ist die Gefahr der Massenüberwachung. Sie erzieht Konformität. Sie kultiviert vorauseilenden Gehorsam. Sie züchtet Selbstzensur.“ Die demokratischen Rahmenbedingungen müssen von unseren Politikern erarbeitet werden. Es ist unsere Pflicht sie dauern darauf aufmerksam zu machen.

Die Big Data-Unternehmen haben zusammen mit den Geheimdiensten die meisten Sicherheitsmassnahmen des Internets kompromittiert. Diesen Vertrauensverlust muss zusammen mit neuen und sicheren Systemen, wieder aufgebaut werden. Wer heute Kunden ohne kritische Hintergrundinformationen Cloud-Dienste als Lösung empfiehlt handelt grobfahrlässig. Wir müssen die Unternehmen konstant darauf hinweisen das wir Lösungen und keine Ausreden mehr wollen.

Und letztlich ist jeder von uns in der Pflicht, den Menschen das nötige Wissen an die Hand zu geben, das sie für ihre Datensouveränität benötigen.

So wird es uns gelingen, die Vorteile der Cloud auch zu unser allen Gunsten nutzen zu können.

Der Artikel erschien zuerst auf sharepointadvent.de.

 

Autor: Christoph Müller

Christoph Müller ist Consultant, Blogger und Podcaster rund ums Thema SharePoint, Digital Transformation, Cloud, Mobile und Netzpolitik.

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